Zwischen Vibration und Form
Merve Turguts Praxis konzentriert sich eher auf eine plastische Untersuchung von Seinszuständen als auf bloße Repräsentation. Für die Künstlerin ist die Leinwand nicht nur eine Oberfläche, auf der Bilder entstehen, sondern eine dynamische Schwelle zwischen Bewusstsein und Materie. Die in ihren Gemälden entstehenden Formen entziehen sich festen Identitäten; Form existiert nicht, um definiert zu werden, sondern um sich zu transformieren.
Ihr Arbeitsprozess ist vielschichtig und zeitlich geprägt. Farbe sammelt sich an, wird weggewischt, abgekratzt und neu strukturiert. Frühere Schichten werden nicht vollständig verborgen; sie bleiben als Gedächtnis der Oberfläche bestehen. Variationen in der Pigmentdichte verändern die Art und Weise, wie Licht mit dem Gemälde interagiert, und erzeugen sowohl optische als auch physische Tiefe. Infolgedessen fungieren die Werke nicht nur als visuelle Kompositionen, sondern als materielle Erfahrungsfelder.
Farbe wirkt als strukturelle Kraft. Raum wird nicht durch lineare Perspektive konstruiert, sondern durch tonale Abstufungen, Dichte und relationale Kontraste. Die Bewegung der Farbfelder – ihre Annäherung und ihr Rückzug – schafft die räumliche Wahrnehmung und erzeugt gleichzeitig eine innere Vibration. Diese Vibration destabilisiert die Grenze zwischen Figur und Grund; Formen lösen sich auf und verdichten sich innerhalb der Oberfläche neu.
Turguts Ansatz verortet das Sein nicht in der Transzendenz, sondern in der immanenten Bewegung der Materie selbst. Archetypische oder spirituelle Resonanzen treten nicht als explizite Symbole auf; stattdessen werden sie durch formale Spannung und die subtile Auflösung der Oberfläche erspürt. Das Unsichtbare wird nicht illustriert – es wird aus der materiellen Präsenz der Farbe heraus suggeriert.
Ihre Gemälde existieren in der Spannung zwischen Vibration und Form. Jede Komposition inszeniert eine erneute Begegnung zwischen der Körperlichkeit der Farbe und einem intuitiven Wahrnehmungsfeld. Die daraus resultierenden Werke bewegen sich an der Schnittstelle von struktureller Untersuchung und einem immanenten Verständnis der Existenz.












Innere Spuren
Diese Serie folgt den subtilen Zeichen, die von inneren Bewegungen hinterlassen werden. Anstatt feste Identitäten abzubilden, spüren die Arbeiten flüchtigen Zuständen der Wahrnehmung und des Erinnerns nach. Jede Figur erscheint als ein Residuum — ein zerbrechlicher Abdruck von etwas, das einst gefühlt, aber nie vollständig definiert wurde. Die Linien konstruieren keine Gewissheit; sie registrieren Präsenz. Was auf der Oberfläche bleibt, ist kein Porträt, sondern ein Echo — ein leises Zeugnis einer inneren Verschiebung.












Die Auflösung der Form
In dieser Serie erforsche ich die subtile Spannung zwischen dem Sichtbaren und dem Erspürten. Es geht mir weniger darum, feste Identitäten zu konstruieren, als vielmehr den zerbrechlichen Schwellen nachzuspüren, an denen die Form beginnt, sich aufzulösen. Die Figuren, die auf der Oberfläche erscheinen, sind keine Porträts; sie sind flüchtige Konfigurationen aus Erinnerung, Intuition und unbewusster Bewegung.
Anstatt eine feststehende Realität darzustellen, entfalten sich diese Werke als Prozesse des Werdens. Jeder Körper entsteht aus Schichten der Tilgung und Rekonstruktion und trägt die Instabilität von etwas in sich, das sich noch in der Formation befindet. Sichtbarkeit ist in diesem Kontext keine Bestätigung von Gewissheit, sondern eine vorübergehende Kristallisation innerer Energie.
Die Oberfläche wird zu einem Ort der Aushandlung zwischen Präsenz und Absenz. Was greifbar scheint, weist oft auf das Immaterielle hin; was stumm erscheint, birgt eine unterschwellige Vibration. Durch diese Oszillation versuche ich, mich einem tieferen Puls zu nähern — einem, der unter dem Narrativ, jenseits der Identität und vor der Sprache existiert. Diese Arbeiten zielen nicht darauf ab, zu erklären. Sie laden zu einer langsameren Begegnung ein, bei der sich die Wahrnehmung vom Betrachten eines Bildes hin zum Erspüren seiner inneren Resonanz verschiebt.












Zwischen Oberfläche und Tiefe
Was man sieht, ist niemals alles. Linien, Nuancen und Konturen lassen erahnen, was darunter liegt. Die Präsenz schwebt zwischen der Sichtbarkeit und dem Verborgenen; Form ist eine Andeutung, keine Feststellung. Die Oberfläche birgt Spannung, die Tiefe birgt Resonanz. Hier wird das Schauen zum Erspüren, und die stillen Räume sprechen.











